“Lass uns doch mal eben kurz dort anhalten und auf ‘n Sprung gucken” sagte die Anke auf der Heimfahrt von der Arbeit. Auf eben diesem Heimweg lag sie nämlich, die Wiesenburg im Wedding. Oder das, was von ihr noch übrig ist. Jener verwitterte Bau war mir auf der täglichen Fahrt vom Wedding nach Gesundbrunnen von der S-Bahn aus aufgefallen, und letztens erzählte die Anke in einem Plausch während der Arbeitszeit Kaffeepause von ihrem “kurzen Spaziergang” durch den Wedding, wo sie sich die Anlage mal angesehen und spontan beschlossen hatte, dort einzuziehen.
“Muss ich mir auch mal ansehen” dachte sich der Stef. Und schneller als gedacht bot sich eben heute die Gelegenheit. Verbotenerweise frecherweise betraten wir das Gelände, sahen uns ein bisschen um, Stef schoss – wie üblich – das ein oder andere Foto… und aus einem sehr ruinösen Fenster erschall plötzlich eine Stimme.
Es war einer der Bewohner, dessen Begeisterung über die knipsende Störung sich doch in Grenzen hielt. Nach dem Woher und Wohin setzte er uns verdutzten Besuchern je einen Bauhelm auf… führte uns durch die Ruine und erzählte uns ein wenig über die Geschichte:
Der 1868 von Liberalen und Sozialdemokraten gegründete Berliner Asylverein bot hier ab 1896 700 Männern Unterkunft. 1907 wurde das Haus um 400 Schlafplätze für Frauen erweitert.
Im Volksmund wurde es Wiesenburg genannt – zum einen weil es eben an der Wiesenstraße liegt, zum anderen wohl, weil dort keine Polizei rein durfte. Dem Verein, der Obdachlose als “Menschen in einer geradewegs ausweglosen Notlage” ansah, gehörten unter anderem August Borsig und Rudolf Virchow an. Nachdem sich nach 1918 die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse grundlegend geändert hatten verlor das Asyl schrittweise an Bedeutung. Heute haben sich dort einige Künstler niedergelassen, einige Gebäudeteile sind verkommen. [Quelle]
Wenn man auch das Privatgelände eigentlich nicht betreten darf, so kann man seit einiger Zeit doch offiziell zumindest einen Eindruck von dem imposanten Gebäude bekommen: Zwischen Pank- und Gerichtsstraße führt ein kleiner Pfad mit einer Brücke an der Panke entlang, direkt an der Wiesenburg und interessanten Hinterhöfen vorbei.
Stef stand nur mit vor Staunen offenem Mund da, hat sich die genialen Bauten betrachtet und lauschte den Geschichten und Informationen, die Joe, unser Führer, so erzählte. Leider konnte ich gar nicht alles behalten, und auch im Netz wurde ich nicht so richtig fündig. Wäre es nicht so saukalt gewesen, und wären wir nicht sowieso nur “kurz auf nem Sprung” gewesen, hätten wir die Einladung zu ner Tasse Kaffee auch nicht ausgeschlagen. Zu einem anderen Zeitpunkt aber gerne – wenn wir denn dürfen.
Am Ende unseres Rundganges erfuhren wir noch, dass die Wiesenburg in einigen Filmen als Kulisse diente – unter anderem in der Blechtrommel. Einen ganz herzlichen Dank an Joe für den tollen Aufenthalt, wir würden uns freuen, wenn wir wieder mal vorbeikommen dürften. Unsere Mailadresse hast du ja, und die gebrannten Fotos bringe ich die Tage mal vorbei…

