Arbeitslos zu werden ist für viele Menschen der Horror – obwohl dies mittlerweile zum Alltag gehört. Treffen kann es jeden. Wenn es denn soweit ist führt der erste Weg zur Arbeitsagentur. Hier in Berlin gibt es mehrere Standorte der Agentur, und wer diese erstmals betritt hat nicht das Gefühl, die Arbeitslosigkeit sei so schlimm. Man wird freundlich empfangen, Warteschlangen sind selten, man ist keine Nummer sondern ein Kunde, dem ein Service zu Teil werden soll: Man möchte dem Kunden nach Möglichkeit einen neuen Arbeitsplatz zukommen lassen.
Wer nun aber nach geraumer Zeit – besser gesagt, nach dem sein Anspruch auf das Arbeitslosengeld I aufgebraucht ist – noch keinen Job gefunden hat, der merkt schnell, dass es in Deutschland ein Kastenwesen gibt, zumindest aber eine Mehrklassengesellschaft auch unter den Arbeitslosen. Wer ALG II beziehen möchte stellt sich erst mal hinten an – in den Schlangen vor den Jobcentern. Unter den Blicken der Wachmänner landet man bei gestressten – und zumeist trotzdem noch freundlichen – “Empfangsdamen” und darf dann erstmal seine Nummer ziehen. Bis man dann bei seinem Vermittler angekommen ist vergehen aber locker ein bis drei Stunden – wenn man überhaupt so weit vorgelassen wird.

Die Jobvermittler, die selbst häufig nur mit befristeten Verträgen ausgestattet sind, stehen unter Druck: Vermitteln, aus der Statistik streichen, Zahlungen kürzen – das wird von ihnen erwartet. Da werden dann auch mal 16jährige in “Ein-Euro-Job-Maßnahmen” gesteckt, auf die persönliche Situation des einzelnen wird keine Rücksicht genommen.
Dass sich diese Situation in absehbarer Zeit ändert ist kaum abzusehen – bei der momentanen Wirtschaftskrise ist eher zu erwarten, dass die Schlangen in den Jobcentern länger und länger werden. Aber nicht die Wirtschaftskrise ist das eigentliche Problem – sie nimmt nur vorweg, was über kurz oder lang sowieso eintritt: Es wird immer weniger Arbeitsplätze geben. Siehe hierzu auch den gestrigen Artikel des Spiegelfechters auf Telepolis und das Interview mit dem amerikanischen Ökonom Jeremy Rifkin in der Stuttgarter Zeitung.
Auch diese Entwicklung wäre kein Problem – zumal man sie sowieso nicht stoppen kann. Das Problem ist der nach wie vor existente Mythos der Vollbeschäftigung und der Irrglaube, dass der Lebenssinn des Menschen in der Erwerbsarbeit liege und er ohne diese nichts wert sei. Diesem Irrglauben hängen wir nach wie vor an, und keiner der Regierungstäter traut sich, eine “neue Glaubensrichtung” anzustoßen.
Eine Arbeitsagentur wird es auch in Zukunft geben. Wünschenswert wäre es nur, wenn die Menschen nicht mit Angst sondern mit einer Art Entdeckerlust hingingen.
[Siehe auch die Beiträge "Arbeit macht frei" und "Schönrechnerei".]
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