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Verpasste Chance

 Veröffentlicht vom Stef um 12:31  Gedankenkram
Jul 242009
 

Es gab eine Zeit, wenige Monate nur, kurz vor bis kurz nach dem Mauerfall, wo viele Menschen einen Traum hatten. Während sich die breite Masse nach Westgeld sehnte und den Versprechen von blühenden Landschaften glaubte stellte sich ein kleiner Teil – übrigens nicht nur DDR-Bürger! – eine Reform vor: Sie träumten von einem Staat, in dem das Denken – und das Aussprechen dieser Gedanken – frei war, aber die Menschlichkeit nicht auf Kosten des Konsums, des – für diese Art der Wirtschaft notwendigen – ständigen Wachstum verrecken würde. Wo nicht der Arbeiter oder der kleine Angestellte kaum über die Runden kommt, nur weil sich Vorstände oder Spekulanten die Taschen vollstopfen. Auch ich träumte – man schimpfe mich naiv – diesen Traum und trauerte einer verpassten Chance nach.

Aber mittlerweile frage ich mich: Hätte dieser neue Staat, diese neue Gesellschaft wirklich eine Chance gehabt? Damit meine ich nicht die wirtschaftlichen Probleme – heute geht es vielen Menschen in den neuen Bundesländern finanziell kaum besser, im Gegenteil. Nein, ich rede von den “Herrschenden”, von denen viele alte auch die neuen wären. Ich rede von denen, die erfahren haben, wie “geil” die Macht ist. Die gelernt haben, ihre Egoismen mit Ellbogen durchzusetzen. Die ihre Seilschaften gezogen haben, und diese auch nicht mehr loslassen. Vielleicht hätten sie etwas mehr Flexibilität lernen und mehr Kompromisse schließen, in jedem Falle sich – und ihre Entscheidungen – besser verkaufen müssen. Aber letztendlich wären es die alten geblieben – wie auch damals nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie viele heimliche, weniger heimliche und vor allem unheimliche Nazis saßen hier ganz schnell wieder in Amt, Würden und Politik? Auch sie hatten dazugelernt…

Ist es wirklich so, dass sich niemals etwas ändern wird? Dass sich – im Gegenteil – die Menschen ändern, die – einst vielleicht idealistisch – endlich an der Spitze angelangt das Spiel mitspielen, jegliche Moral über Bord werfen, denen plötzlich das Wohl der Allgemeinheit scheißegal ist, weil sie zu den Priviligierten gehören und obendrein den Kontakt zur Basis verloren haben? Wäre in diesem Fall all das Streiten für eine “neue Gesellschaft” vollkommen zwecklos? Wahrscheinlich nicht, denn wer weiß was geschähe, wenn es gar keine kritischen Stimmen, gar keine Träumer mehr gäbe.

Wie auch immer: In so manch melancholischem Augenblick trauere ich der verpassten Chance vor 20 Jahren immer noch nach…

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