Säbelrasseln

In diesem Jahr gedenken wir des Beginns des ersten Weltkrieges vor 100 und des zweiten vor 75 Jahren. Wir feiern – die einen mehr, die anderen weniger – 25 Jahre Mauerfall, damit einhergehend auch ein Vierteljahrhundert Beendigung des “kalten Krieges”. Wir in Westeuropa erleben gerade wahrscheinlich den längsten Zeitraum ohne Krieg – jedenfalls ohne den im klassischen Sinne, den Irrsinn des Krieges hat kaum noch jemand der hier Geborenen live erlebt, wir kennen ihn nur aus Erzählungen, Filmen, Berichten von Zeitzeugen. Ließe man jetzt mal die immer stärker werdende soziale Spaltung außer Acht (und ebenso die europäische Flüchtlingspolitik) könnten wir eigentlich von einem friedlichen, entspannten, schönen Leben sprechen. Offensichtlich zu entspannt, zu schön, und vor allem zu friedlich.

Dass sich die Vollhonks in und um Israel gegenseitig die Köpfe wegschießen – bitte, das geht seit Jahrzehnten so, kennt man eigentlich gar nicht anders. Dass der Ami hin und wieder irgendwo einmarschiert um fremden Völkern die Demokratie notfalls mit Waffengewalt einzubläuen, jo, ist halt so, offensichtlich braucht er das. Dass es immer irgendwelche durchgeknallten Religionsführer gibt, die Menschen ihren Glauben aufzwingen wollen, geschenkt, wir hatten vor ein paar hundert Jahren unsere Kreuzzüge, der Extremislamist hat sie eben jetzt. Und dass die Deutschen seit Jahren bei den Waffenexporten ganz dick mitmischen wird sich nicht verhindern lassen, schließlich geht’s ja um dicke Geschäfte Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie. Der Mensch an sich ist anscheinend einfach nur bekloppt nicht in der Lage, friedlich miteinander umzugehen. Buddelkiste, Förmchen, Fresse dick.

Nun markiert Putin seit geraumer Zeit den dicken Max. Da kann “der Westen” natürlich die Füße nicht stillhalten, wobei er das seit dem Wegfall des eisernen Vorhangs eigentlich nie getan hat, nur bislang eben mit friedlichen Mitteln wirtschaftlicher Überzeugungskraft statt mit hochgereckter Faust. Aber wenn schon die Faust gereckt wird, muss der Deutsche neuerdings mitrecken: Unser pastoraler Präsidentendarsteller faselt von Verantwortung, die Truppenursel sorgt sich auch nicht mehr ausschließlich um die familiäre Aufrüstung, und selbst das Grün der Grünen ist mittlerweile oliv. Und Putin ist ja nicht der einzige “lupenreine Demokrat”, der auf die lupenreine Demokratie scheißt, immer mehr Despoten tauchen auf, zuletzt in der Türkei. Hierzulande verhindert der engagierte Wutbürger immerhin die Neubebauung einer riesigen Freifläche oder olympische Winterspiele, aber generell scheint auch hier die Demokratiefolklore zu bröckeln: Der Urnenpöbel stellt plötzlich fest, dass die etablierten Parteien alle nicht wählbar sind (womit ich dem Urnenpöbel ja auch recht gebe) und macht sein Kreuzchen immer häufiger ganz weit rechts. Noch sind es in erster Linie die abgehängten Regionen, in denen protestgewählt wird, in der Breite der Bevölkerung ist es noch halbwegs still, dem Gefasel vom wirtschaftlichen Aufschwung sei Dank.

Das alles zusammengenommen bereitet mir Sorgen. Ich gehöre zur Generation derer, für die es Anfang der 80er nur die Frage war, ob der Wald friedlich vor sich hinsterben oder doch von ner Atombombe weggebrettert würde. Nun zeigt natürlich die Erfahrung, dass der ganze damalige Aufrüstungswahnsinn nicht zum Krieg führte, und auch der Wald steht noch, mehr oder weniger gesund, da so rum. Aber wird es immer so friedlich ausgehen? Damals trugen die Menschen ihre Sorgen vor dem Krieg – egal ob vor der Haustüre oder im Irak – noch auf die Straße, 100.000 demonstrierten gegen die Aufrüstung, so viele Menschen bekommst du heute nur zusammen, wenn ein Fußballweltmeister gefeiert werden soll. Nein, genutzt haben diese Proteste schon damals nichts, ich habe nur einfach das Gefühl, die Mehrheit der hiesigen Bevölkerung ist sich des Luxus des Friedens – und der momentanen Situation – gar nicht bewusst. Was man tun kann? Woher soll ich das wissen? Als religiöser Mensch vielleicht ein bisschen mehr beten, ansonsten kann man wohl nur hoffen, dass es beim Säbelrasseln bleibt und unsere Politmischpoke doch noch nen letzten Rest Vernunft besitzt…

1+

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Solve : *
28 × 6 =