Selbst und ständig
Selbst und ständig

Selbst und ständig

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Natürlich hatten wir uns auf den Schritt in die Selbständigkeit vorbereitet. Natürlich wussten wir, dass es gerade in der ersten Zeit ziemlich stressig werden würde. Dass man rund um die Uhr mit seinen Gedanken beim Laden ist. Dass man 1000 Dinge zu beachten hat, an die man zuvor nicht mal im Traum dachte. Dass man kaum noch Zeit für Dinge abseits des Ladens hat. Dass Selbständigkeit eben mit selbst und ständig zu tun hat. Wir wussten also ungefähr, was auf uns zukommt – dachten wir jedenfalls. Jo, am Arsch!

Kurz und knapp: Ich für meinen Teil habe die Selbständigkeit schwer unterschätzt. Der zweite Gedanke nach dem Aufwachen dreht sich um den Laden (der erste Gedanke lautet meist “fuck, schon wieder zu wenig Schlaf”), der letzte Gedanke vor dem Einschlafen dreht sich um den Laden, und die Gedanken dazwischen sowieso. Das Privatleben beschränkt sich auf ein paar freie Stunden am Sonntag, meine Wohnung hat den Charme – und die Ordnung – einer Rumpelkammer, was aber kaum ins Gewicht fällt, da ich eh nur zum Schlafen dort bin. Die sozialen Kontakte beschränken sich in der Regel auf Kundengespräche, vom Freundeskreis bekomme ich kaum noch etwas mit, vom erweiterten Bekanntenkreis gar nix mehr. Die Hobbys abseits des Dampfens liegen brach, die zu lesenden Bücher stapeln sich ebenso wie noch ungesehene DVDs, meinen Fernseher schalte ich alle paar Wochen mal kurz an, von meinem geliebten Fußball bekomme ich gar nix mehr mit, und sämtliche Webprojekte liegen brach.

ABER

Das ganze macht nach wie vor einfach riesigen Spaß! Wir können unserer Leidenschaft nicht nur (rund um die Uhr) nachgehen sondern auch andere Menschen dafür begeistern. Wir sehen, wie unser Projekt, “unser Baby” täglich wächst, immer mehr unseren Vorstellungen entspricht. Wir sehen, wie unsere Ideen, unser Konzept vom Laden aufzugehen scheint und bereits angenommen wird. Ob das Interesse der Kunden anhält und sich steigern lässt – bis wir vom Laden leben können ist es noch ein verdammt weiter Weg – wissen wir nicht. Ob wir das – mittlerweile schon reduzierte – Tempo dauerhaft durchstehen können wissen wir ebenso wenig. Ob uns die – meist völlig ahnungslosen – Politiker oder die Lobbyverbände irgendwann die Geschäftsidee zunichte machen wissen wir erst recht nicht. Es ist auch relativ müßig, deswegen die Glaskugel zu bemühen (natürlich ertappt man sich doch hin und wieder bei solchen Gedanken), wir konzentrieren uns lieber auf das, was wir beeinflussen können und hoffen, dass es weiterhin so gut läuft. Wir haben unseren Traum verwirklicht, haben unser Hobby zum Beruf gemacht, können diesem somit quasi 24 Stunden am Tag nachgehen, und dafür nimmt man doch gerne einiges in Kauf. Auch wenn ich mich auf Weihnachten und somit zwei freie Tage am Stück freue. 😉

Zur Zeit falle ich jeden Abend völlig erledigt ins Bett. Erledigt – und sauglücklich.