Vereinigt?
Vereinigt?

Vereinigt?

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30 Jahre ist die Wiedervereinigung – oder “Übernahme”, wie ich das Ganze ob des “Beitritts zum Geltungsbereich” gerne leicht zynisch nenne – her. Und auch nach 30 Jahren wird immer noch das Thema Ost-West diskutiert, immer noch von Ossis und Wessis gesprochen, immer noch philosophiert, wie nah oder fern man sich auch heute noch sei.

Seit sechs Jahren wohne ich “im Osten”, wobei das ja eigentlich eher der Norden, na gut, der Nordosten der Republik ist. Vorher waren es sieben Jahre in Berlin, gewohnt im ehemaligen Westteil, zeitweise gearbeitet im ehemaligen Ostteil, beide eher im Zentrum Berlins gelegen, aber egal, in Berlin ist das eh ne etwas andere Situation, gefühlt wurde ja fast kein Berliner mehr in Berlin geboren sondern in Stuttgart, Buxtehude oder Castrop-Rauxel.

Hier im Nord-Osten ist das ein wenig anders. Natürlich wird man nicht bei jeder Begegnung gefragt, ob man aus dem Osten oder Westen kommt. Und man ließ mich auch noch nie negativ spüren, dass ich “Wessi” bin – jedenfalls nicht so, dass ich es mitbekommen hätte. Vielleicht liegt das auch an meiner Art, vielleicht wirke ich ein wenig “ossig” oder auch nur offen genug, denn nicht nur einmal kam vom Gegenüber ein “ach, du bist aus dem Westen? Das hätte ich nicht gedacht.”

Dennoch höre ich hier im Alltag immer wieder eher abfällige Bemerkungen über “die Wessis”. Meist beiläufig, in Nebensätzen, und leider nie in Situationen, die ein Nachfragen, ein Gespräch, den Austausch zuließen. Und wenn die Situation dieses dann doch mal zugelassen hätte waren es eher nicht die Menschen, bei denen ich unbedingt Lust zu einem Gespräch verspürte – ganz unabhängig von ihrem “Wessi-Bashing”.

Ich habe sowohl in Berlin als auch hier oben mit einigen in der DDR Geborenen interessante Gespräche führen dürfen – über ihre Jugend in jenem Land, über ihre Empfindungen beim Mauerfall und der Vereinigung, über ihre Erfahrungen mit dem neuen System und den neuen Landsleuten. Dieser Austausch war immer fruchtbar und interessant, selten mit generellen und nie mit persönlichen Vorwürfen bestückt. Ich habe in diesen Gesprächen viel gelernt, mitunter begleitet von leichtem Schmunzeln oder üppigem Staunen.

In diesen Gesprächen wurde eigentlich immer das bestätigt, was ich bereits vor 30 Jahren sagte: Die Vereinigung, so wie sie geschah, verlief alles andere als optimal. Natürlich wird es bei solch großen Einschnitten immer Verlierer geben, und auch immer Menschen, die sich in ihrem Verlust einrichten, suhlen und darob jammern. Aber vielleicht wäre man heute bei der Vereinigung zwischen den Menschen einen ganzen Schritt weiter, hätte man damals die Zeit – und die Motivation – gehabt für eine wirkliche Vereinigung.

Vielleicht werden auch meine Eindrücke durch die Tatsache verfälscht, dass ich es eher selten mit deutlich Jüngeren zu tun habe, für die das Ost-West-Thema eher so “Oppa erzählt aussem Krieg” ist. Und vielleicht – eher hoffentlich – ist dieses Thema in 20, 30 Jahren nur noch eines für den Geschichtsunterricht. Zur Zeit aber ist das Gefühl, hier eben doch eher ein Fremder zu sein, noch präsent, und zwar anders als das eines Norddeutschen in Bayern, eines Rheinländers in Ostfriesland oder eines (haha) Schwaben in Berlin. Es begleitet einen nicht täglich, es hinterlässt kein richtiges Unbehagen, aber irgendwo, so ganz unterschwellig ist es eben doch vorhanden.

Gibt also wohl noch einiges zu tun, so 30 Jahre nach der Vereinigung…