Liebe Regierung, wir müssen reden
Liebe Regierung, wir müssen reden

Liebe Regierung, wir müssen reden

Lesezeit ca. 4 Minuten

Liebe Regierung, nach einem Jahr Corona müssen wir mal über eure Rolle bei der Pandemiebekämpfung reden.

Zu Beginn habe ich euch verteidigt – ihr habt uns recht gut durch die erste Welle gebracht, die Infektionszahlen waren geringer als in den Nachbarländern, die Todeszahlen erst recht. Es war auch eure erste Pandemie, und dafür habt ihr euch anfangs durchaus achtbar geschlagen. Ich habe euch auch noch verteidigt als die Kritik ob eures wachsenden Schlingerkurses größer wurde. Aber mittlerweile wächst mein Unverständnis, und ja, in einigen Punkten müsst ihr euch leider völliges Versagen vorwerfen lassen:

– Eine sinnvolle Schließungs- oder Öffnungsstrategie ist nicht zu erkennen, von einer Test- oder Impfstrategie mal ganz zu schweigen. Eure regelmäßigen “Bund-Länder-Schalten” waren zuletzt nur noch peinlich – wurde sich tatsächlich mal auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt scherten sich die Landesfürsten, kaum war die Videoschalte beendet, einen Scheiß um die getroffenen Beschlüsse – jeder öffnete oder schloss wie es ihm oder ihr gefiel, besser gesagt was eben gerade bei der Wählerschaft vermeintlich gut ankam. Je nach Fallzahlen ergeben regionale Unterschiede sicherlich Sinn, aber dann muss das zum einen kommuniziert werden und sollte zum anderen nach einem erkennbaren Plan verlaufen. Jetzt steigen die Infektionszahlen wieder an, und ihr beginnt – gefühlt wahllos – Baumärkte, Frisöre und Buchläden zu öffnen. WTF? Mit diesem Rumgeeiere nehmt ihr das Volk sicher nicht mit.

– Die “schnellen und unbürokratischen Hilfen” für Betroffene waren alles, aber sicher nicht schnell oder gar unbürokratisch. Während Auslaufmodelle wie Warenhäuser oder die Flugindustrie mit Millionen gepimpt wurden bekam der kleine Unternehmer, der Soloselbständige, der Künstler nichts, bestenfalls zu wenig, zu spät oder nur als Darlehen. Ja, Selbständigkeit ist immer ein Risiko, und wenn du nicht zumindest zwei Monate ohne Einnahme überleben kannst hast du bereits vorher was falsch gemacht. Wir reden aber nicht von zwei Monaten, sondern mittlerweile von einem Jahr – und die Sache ist ja noch lange nicht durch. Ein – zumindest temporäres – bedingungsloses Grundeinkommen wäre übrigens eine gute Möglichkeit gewesen, aber was weiß ich linksversiffter Spinner schon.

– Es ist ja schön dass ihr bemerkt habt, dass systemrelevante Berufe durchaus andere sind, als vorher permanent suggeriert. Und dass diese Berufe miserabel bezahlt werden. Dankesworte und Balkon-Applaus sind zwar ganz nett, aber eine ernsthafte monetäre Anerkennung wäre durchaus angebracht gewesen. Mittlerweile ist das Ding durch, dass nach der Pandemie noch etwas für die “Alltagshelden” rausspringt glaubt wohl keiner mehr.

– Dann wäre da noch das “Neuland” – also die flächendeckende, gut funktionierende Netzabdeckung, die Digitalisierung bei Ämtern, Behörden und in Schulen. Das hätte seit Jahren auf den Weg gebracht werden müssen, wird aber immer noch als “Zukunftsprojekt” gesehen. Deutschland ist im europäischen Vergleich in diesem Bereich ganz weit hinten, und sonderlich viel hat sich durch die Pandemie da nicht getan. Es war, ist und bleibt einfach nur peinlich. Zwei Drittel der Gesundheitsämter kommunizieren immer noch per Fax, und die anfangs so hochgepriesene Corona-App fristet ein trauriges Dasein auf wenigen Smartphones – privat initiierte Lösungen wie Luca zeigen, wie es gehen könnte.

– Und schließlich: Die Schulen. Seit Jahrzehnten haben wir zu wenig Lehrer, veraltete Technik und gammelnde Schulgebäude. Das ist nichts Neues, aber während der letzten zwölf Monate wurde der Peinlichkeitslimbo permanent unterboten. Einen Sommer hattet ihr Zeit, sinnvolle Konzepte zur Schulöffnung oder zu Alternativen aufzustellen, und was habt ihr geschafft? Luftfilter anschaffen? Flächendeckend Laptops für Lehrer und bedürftige Schüler? Eine funktionierende Lernplattform? Vernünftige Hygienekonzepte oder Öffnungsszenarien? Am Arsch! Eure Lösung bestand in der Empfehlung, regelmäßig zu lüften! Echt jetzt? Schließlich wurden sogar Schulen, die eigenständig ein sinnvolles Konzept erstellt hatten, zurückgepfiffen. Was, liebe Kultusminister, macht ihr eigentlich beruflich? Der Föderalismus mag einst eine sinnvolle Idee der Gründerväter gewesen sein, aber im Bereich Bildung hat er einfach nichts zu suchen.

Also nehmt es mir nicht übel, aber eure Leistung ist alles in allem nach einem guten Beginn bestenfalls mangelhaft zu nennen! Im Herbst sind Bundestagswahlen. Dass ihr bis dahin noch was auf die Reihe bekommt bedreifle ich, bleiben also zwei Hoffnungen: Zum einen dass wir dann aus dem Gröbsten raus sind. Und zum anderen, dass nicht das rechte Gelumpe von eurer bescheidenen Performance des letzten Dreivierteljahres profitiert. Bei beidem bin ich leider ziemlich skeptisch…

2 Kommentare

  1. Androsch

    Danke für deine klaren Worte. Du kannst den Nagel wirklich gut auf den Kopf treffen und sprichst mir aus dem Gemüt.
    Schade nur, dass diejenigen, an die deine Worte gerichtet sind, voraussichtlich nie davon erfahren werden.
    Trotzdem: Gut gebellt!

Kommentare sind geschlossen.