Nostalgie-Welle
Nostalgie-Welle

Nostalgie-Welle

Zur Zeit scheint eine kleine Nostalgie-Welle über das Land zu schwappen, zumindest kulturell. Wahrscheinlich zufällig, aber vielleicht auch gerade passend in einer Zeit, in der ein Virus das Volk mürbe gemacht hat.

Nach zehn Jahren Pause läuft wieder eine Ausgabe von “Wetten dass..?”. Also die “klassische Version”, sprich mit dem herbstblonden Sonnenschein Gottschalk, nicht mit dem Totengräber Lanz. Ach, was werden da Erinnerungen geweckt: Samstag Abend, frisch gebadet im Frottee-Schlafanzug mit der ganzen Familie vor dem Fernseher sitzen, den großen Stars lauschen und bei sensationellen Wetten mitfiebern… Na gut, die Erinnerungen trüben. Zu Beginn noch die ganz große Samstag-Abend-Show, flachte sie doch mit den Jahren zusehends ab: Die internationalen Stars mussten nach der Promotion für ihren neuen Film zum Flieger, die Wetten wurden immer ähnlicher, der Stil wechselte von miefig-altbacken zu piefig-peinlich – und spätestens als die nervende Schweizerin dem alternden Moderator als Aufpasserin an die Seite gestellt wurde, konnte man sich die Sendung eigentlich schon nicht mehr anschauen. Abgesehen davon war bei uns der Samstag kein klassischer Badetag, und ob ich in dem Alter noch einen Frottee-Schlafanzug trug weiß ich auch nicht mehr. 😉 Die gestrige Ausgabe war dann auch noch mal ganz nett, wenn auch mit ziemlichen Längen, aber nun sollte man das Format auch ruhen lassen.

Nach 15 Jahren Pause gehen Genesis wieder auf Tour. Ein neues Album ist seit Ewigkeiten nicht erschienen, und eigentlich galt die 2006er-Tour als das große Bühnen-Finale einer Band, die bereits in den 60ern ihr Debut gab. Warum die Herren sich den Konzert-Stress noch mal antun weiß ich nicht – Geldsorgen dürfte keiner von ihnen haben, vielleicht wollen sie es sich selbst ja einfach noch mal beweisen. Ob sie ihren Fans damit einen Gefallen tun wage ich zu bezweifeln: Lebten die Konzerte – neben der genialen Lichtshow – doch von Frontmann Phil Collins, der wahlweise agil und scherzend über die Bühne tobte oder sich an den Drumkits verausgabte. Und nun sitzt da beim Konzert ein leicht tatteriger Greis mit Krückstock auf einem Stuhl und gibt ein trauriges bis erschreckendes Bild ab:

Nein, ein neues Konzert werde ich mir weder live noch als Konserve anschauen. Ich hatte das Glück, Mitte der 90er die Band zu ihrer absoluten Hochphase live sehen zu können, und wenn ich noch mal in Erinnerungen schwelgen will schaue ich mir halt die 2006er-Tour auf DVD an.

Nach 40 Jahren Pause bringen ABBA wieder ein Album raus. Man kann ihre Musik mögen oder nicht, sie gehörten aber damals völlig zu recht zu den ganz Großen, und kaum jemand hat Marketing so gut verstanden wie die vier Schweden. Auch das neue Album dient eigentlich nur als Promotion für die Show, die im nächsten Jahr in London starten soll – allerdings werden die in Ehren ergrauten Herrschaften nicht selbst über die Bühne springen, sondern dies von Avataren erledigen lassen. Ist deutlich würdevoller, wenn auch ein bisschen spooky, und nein, auch diese Show reizt mich absolut nicht. Das neue Album schon eher, die beiden vorab veröffentlichten Lieder gefallen mir ausgesprochen gut, und wenn es die CD mal für nen weniger unverschämten Preis gibt werde ich sie mir auch kaufen. ABBA bleiben für mich “The Album” oder “The Visitors”, meinetwegen auch “Super Trouper”, das neue Album ist halt einfach noch mal gefällige Musik. Punkt.

Ja, ich schwelge hin und wieder gerne mal in Nostalgie – warum auch nicht, solange man nicht vollkommen darin ertrinkt ist das doch in Ordnung. Manchmal können solche Revivals dabei helfen, häufig sind sie aber dann doch nur ein Abklatsch, der letztendlich einen leicht faden Nachgeschmack hinterlässt. Dennoch: Ab und zu mal einen kleinen Ausflug in die Vergangenheit, mal ein wenig aus dem hektischen Hier und Jetzt abtauchen, das muss einfach sein. Gerade in einer Zeit, in dem einen das Virus doch ziemlich mürbe gemacht hat…