70s? Ja! Aber…
70s? Ja! Aber…

70s? Ja! Aber…

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Oder: Nostalgiewelle Teil 2.

Ich schaue mir liebend gerne Spielfilme und Serien an, die in den 70ern und (sehr) frühen 80ern spielen. Gerne auch die heutzutage gedrehten – ich staune immer wieder, wie gut es die Requisitenteams schaffen, ein verblüffend realistisches Set aufzubauen – aber lieber noch die aus der Originalzeit. Auch Dokus aus und über diese Zeit mag ich gerne. Allein schon die Klamotten, die Frisuren, die in Sepia getränkte, von Abgasen verpestete Luft, und natürlich die wunderschönen Autos. Kann ich nix dafür, isso. 😉

Zum einen mag dies daran liegen, dass ich in der Zeit aufgewachsen bin. Zum anderen bedeuten vor allem die 70er für mich aber auch einen bestimmten Zeitgeist. Die Nachwirkungen der 68er, der Kampf um politische und gesellschaftliche Veränderung, der noch deutlich mehr Menschen umtrieb, obwohl – oder gerade weil? – diese Zeit politisch deutlich diffiziler war. Kalter Krieg, Aufrüstung, RAF, undsoweiter.

Auch der Umgang der Menschen untereinander war – zumindest in meiner Erinnerung – noch ein wenig anders, entspannter, friedlicher, solidarischer. Vielleicht, weil der große Drang nach der persönlichen Selbstverwirklichung noch nicht so verbreitet war, vielleicht, weil man ob der fehlenden Möglichkeiten nicht so in die vermeintliche Anonymität flüchten konnte. Ja, mit der Political Correctness war es noch nicht weit her, allerdings auch nicht mit der heutzutage schon in Hysterie umschlagenden Aufgeregtheit darüber. Und klar, es gab auch damals schon durchgeknallte Spinner, aber diese waren untereinander noch nicht vernetzt, und wenn doch, begnügten sie sich meist damit, ihren Unmut und ihre Forderungen auf schlecht abgezogenen Flugblättern zu verteilen, und zumindest den meisten von ihnen war auch klar, welche Relevanz sie hatten: Keine.

Na gut, mal ganz abgesehen davon, dass die 70er doch schon das ein oder andere Jährchen zurückliegen: Ich habe diese Zeit als Kind erlebt, dazu in einer eher bürgerlichen Siedlung am Rande einer Kleinstadt. Das alles mag unter Umständen die Erinnerungen ein klein wenig *hüstel* trüben und subjektivieren. 😉

Und bei aller Liebe für diese Zeit – leben möchte ich da definitiv nicht mehr! Gesellschaftlich ist heute vieles entspannter, gerade wenn man eher nicht so der Mainstream-Mensch ist. Vieles, was heute erlaubt und normal ist, geschah damals im Verborgenen, heimlich, und trotzdem fand man Wege, Lücken, kleine Biotope, in denen alles möglich war. Vieles musste man sich damals noch erkämpfen – einerseits eine schöne Schule fürs Leben, andererseits – will man das wirklich wieder so haben? Ganz abgesehen davon, dass der technische Fortschritt der letzten 30, 40 Jahre ja doch deutliche Erleichterungen in wirklich allen Lebensbereichen gebracht hat. Na, und bei genauer Betrachtung möchte man heute auch weder Schlaghosen noch breitkragige Polyesterhemden oder gar Cordsakkos mehr tragen, bei aller Liebe für die alten Schnauferl würde ich moderne Elektroautos jederzeit vorziehen, und über die damalige Luftqualität muss man nun wirklich nicht reden. Nur die Frisuren, die dürften gerne noch mal ein Revival erleben. 😉

Würde ich gerne eine kleine Zeitreise dorthin machen? Ja, sofort! Einfach ein paar Tage nochmal diesen Zeitgeist spüren – und dann ganz schnell wieder zurück. Da bislang aber immer noch keine Zeitmaschine erfunden wurde “tröste” ich mich eben mit Filmen, Serien und Dokus. Ist wahrscheinlich auch deutlich weniger desillusionierend. 😉