Friedenszeit, vergänglich
Friedenszeit, vergänglich

Friedenszeit, vergänglich

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Ich bin zur Zeit des “kalten Krieges” aufgewachsen. Guter Ami, böser Russe und so. Zwar war der Russe nicht mehr so böse, dass er ständig “vor der Türe” stand, genaugenommen war es ja auch der Sowjet, und man ging auch nicht jeden Abend mit dem Gedanken an Krieg ins Bett, aber irgendwie schwebte immer eine latente Drohung über einem. Dann kam Gorbi, Glasnost, Perestroika, der “eiserne Vorhang” fiel, und plötzlich waren Friede, Freude und Abrüstung ein realistisches Szenario. Den Part des Bösen übernahm erst der Araber, später der Chinese, eher diffus denn real bedrohend, und selbst als in ehemaligen Sowjetrepubliken wieder Schüsse fielen war das nicht nur gefühlt sehr weit weg, es war ja auch eher so’n internes Ding, das sollten sie mal unter sich selbst ausmachen. Kriegsgefahr in Westeuropa? Vorbei!

Gut, die russische Führung entledigte sich immer häufiger interner Kritiker durch Giftanschläge oder Verbannung in Straflager, annektierte die Krim und gebärdete sich inner- und außenpolitisch wieder recht merkwürdig, aber naja, der Russe eben. Kriegsgefahr in Westeuropa? Nicht wirklich vorstellbar.

30 Jahre lang lebte man in dem Gefühl, der Friede sei hierzulande gesichert. Die NATO hielt irgendwo am Arsch der Welt die Fähnchen hoch, die Bundeswehr wurde ob nicht funktionierender Waffen zum Gespött. Wenn wieder ein Krieg ausbräche wäre es ein Handelskrieg, statt fallender Bomben befürchtete man bestenfalls Hackerangriffe. Tja, und nun ist die Gefahr, dass der Russe tatsächlich vor der Haustüre steht, plötzlich gar nicht mehr so utopisch…

Nein, ich glaube nicht, dass dieser inzwischen offensichtlich Durchgeknallte im Kreml seine Angriffe auf NATO-Staaten ausweitet und so ganz Europa in (s)einen Krieg hineinzieht – eher würde er wahrscheinlich von seinen Generälen entmachtet. Hoffe ich jedenfalls, Putsche haben ja auch eine gewisse russische Tradition. Den Krieg in der Ukraine hingegen wird Putin wohl kaum von sich aus abbrechen, im Gegenteil, wahrscheinlich lässt er das Land jetzt in Grund und Boden bomben. Was die Ukrainer derzeit – und wahrscheinlich noch auf lange Sicht – durchmachen, kann sich meine Generation – und alle darunter – nicht mal ansatzweise vorstellen. So viel Elend, nur weil da ein Irrer plötzlich in der Midlifecrisis steckt.

Ich bin Pazifist, habe damals Zivil- statt Wehrdienst absolviert, und bin nach wie vor der Meinung, dass Aufrüstung, militärische Abschreckung oder gar Krieg niemals ein gutes Mittel sind. Scheint aber wohl nur in einer vernünftigen Welt dauerhaft zu funktionieren, und Menschen und Vernunft… nun ja. Seit 75, auf jeden Fall aber 30 Jahren ist der Friede für uns Normalität. Anscheinend hält der Mensch den Frieden nicht all zu lange aus.

Wie wohl die meisten bin ich gerade einfach wie vor den Kopf geschlagen. Keine Angst, eher Ungläubigkeit über das, was da gerade passiert, Fassungslosigkeit und Frust. Und nein, ich will mir nicht vorstellen, was wäre, wenn der Wahnsinnige seinen Krieg ausweitet. Der Marinehafen in Rostock liegt übrigens nur ein paar Kilometer Luftlinie entfernt…

Draußen scheint die Sonne, ich sitze in meiner sicheren, warmen, geschützten Wohnung, weiß meine Freunde und Familie in Sicherheit. Richtig befreit genießen kann ich das nicht, dazu geht es mir gerade einfach nicht gut genug. Aber ich erlebe es gerade bewusster, und ich hoffe, dass ich dieses Bewusstsein noch lange aufrecht halten kann.

(Nein, das Foto in diesem Beitrag und der aktuelle Blogheader sind nicht zufällig gewählt. Mögen die ukrainischen Landesfarben bald wieder für ein solch friedliches Motiv stehen!)

2 Kommentare

  1. Susa

    Ich schließe mich grundsätzlich deinen Aussagen an, fürchte aber, dass es nicht so reibungslos bleibt, wie bisher. Ich hab gestern Teile der Pressekonferenz mit dem sowjetischen Außenminister gesehen und mir plumpste fast der Unterkiefer runter als ich hörte, was er so sagte. Putin ist so lange ein unkalkulierbares Risiko, so lange er in seiben Zarerinnerungen weitermacht. Große Teile seines Volks haben sich mit ihm und seiner Stellung abgefunden, nur wenige trauen sich noch kontra zu geben. Ich glaube die meisten denken sich Augen zu und durch, aber wie regiert er, wenn er realisiert, dass die Ukrainer und ihr Interesse an westlichen Dingen nicht verändert werden können? Der angebliche Genozid an wem auch immer und die genauso vermeintlichen Lügen der ukrainischen Regierung sind eine Erfindung von Putin und noch dreister von seinem Außenminister. Ich kann das alles nicht fassen und langsam bekomme ich mehr als ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Angst vor dem sibirischen Bären? Ich bin mir nicht sicher und das ist kein gutes Gefühl.

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