Verkehr(t)swende
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Abgesehen von den Zeiten, in denen ich auf dem extrem platten Land (oder gar im tiefem Wald) wohnte, war ich immer Nutzer des ÖPNV. Spätestens in Berlin benötigte man nicht mal einen Fahrplan – die nächste Bahn kommt immer in ein paar Minuten. Gut, es war dreckig, es stank, und zu Stoßzeiten war es schön kuschelig. Trotzdem war ich damals richtiggehend ein ÖPNV-Fan.

Selbst als ich hier hoch zog, war ein eigenes Auto kein Thema. Da wir im unmittelbaren Einzugsgebiet einer Stadt sind, kann man hier mit dem Bus sogar halbwegs gut klarkommen – jedenfalls wenn man nicht am späten Abend fahren muss. Oder sonntags. Klar, zur Rushhour sind die Busse auch hier voll, und zur Hochsaison muss man erstmal über die ganzen Gepäckberge der Touristen klettern, aber ich bin ja eher zu Randzeiten unterwegs, und im Sommer fahre ich sowieso bevorzugt mit Fiete.

Wohnt man hingegen nur ein paar Kilometer entfernt, abseits der Touristenpfade und nicht unmittelbar im Dunstkreis der wenigen Städte, die es hier gibt, kann man den ÖPNV vergessen – mit viel Glück fährt vielleicht zweimal täglich ein Bus. Also an Schultagen. Wenn überhaupt.

Da können die Fahrpreise noch so billig sein, es bringt nix.

Ein gut ausgebauter, bezahlbarer, von möglichst vielen Menschen genutzter ÖPNV wäre aus Umweltschutzsicht natürlich eine tolle Sache. Und die Idee, eben diesen dem gemeinen Pöbel mit einem subventionierten Ticket schmackhaft zu machen, ist keine dumme – und zwar unabhängig von den derzeit explodierenden Spritkosten. Aber dazu hätte man vielleicht ein paar Vorkehrungen treffen müssen, wie deutlich mehr Fahrzeuge und Personal. Beides lässt sich aber nicht innerhalb von Monaten oder gar Wochen realisieren, von einer sinnvollen Digitalisierung mal ganz abgesehen. Denn während man – zumindest in den ersten Tagen – hier in den Überlandbussen vom Andrang durch das Ticket noch nicht viel mitbekommen hat…

…dürften in den Städten zur Rushhour Busse und U-Bahnen mitunter so überfüllt sein, dass so mancher nach zwei Versuchen wieder zurück ins eigene Auto flüchtet. Klar, die Inhaber von Abokarten werden für drei Monate finanziell entlastet, schön, aber ich glaube kaum, dass die Aktion dauerhaft mehr Menschen in den ÖPNV bringt. Und ich bezweifle, dass nach diesen drei Monaten noch Geld übrig – und der Wille vorhanden – ist, um den ÖPNV sinnvoll auszubauen oder gar dauerhaft preiswerter zu machen.

(Wenn aber doch, dann könnte man vielleicht auch gleich noch ein paar Schulungen anbieten und Neulingen zum Beispiel erklären, dass es wenig sinnvoll ist, als Großfamilie direkt hinter der ersten Türe stehen zu bleiben, während der hintere Teil des Busses leer ist. Oder dass man kein Anrecht auf Fahrradmitnahme in einem völlig überfüllten Bus hat. Oder dass sich eine Bustüre nicht öffnet, wenn man von innen zaghaft dagegen klopft. 🙄)

Aber zurück zum 9€-Ticket. Ob ein solches als subventionierter Reisegutschein zur Ferienzeit sinnvoll ist, sei mal dahingestellt – siehe vergangenes Wochenende: Komplett überfüllte Züge, Verspätungen ohne Ende, und häufig das totale Chaos. Mensch, wer hätte denn auch damit rechnen können? Nun, eigentlich alle, die selbst mit Bus und Bahn unterwegs sind – also offensichtlich keiner der Entscheidungsträger, die diesen Unsinn verzapft haben. Ganz so extrem wie über die Pfingsttage wird es im restlichen Sommer vielleicht nicht sein, aber chaotischer als die in der Ferienzeit sowieso schon angespannte Lage sicherlich.

Fernreisen mit dem Zug sind aus ökologischer Sicht sicher sinnvoller als mit dem Auto oder gar dem Flugzeug. Allerdings wurde die Bahn über Jahrzehnte kaputtgespart – pünktliche Züge werden immer seltener, komplette Ausfälle häufiger, und wehe, es kommt plötzlich “Wetter”, dann ist sowieso alles zu spät.

Dass sich der Investitionsstau in absehbarer Zeit abarbeiten lässt und irgendwann das Bahnfahren doch mal wieder attraktiv wird, wage ich zu bezweifeln. In ein paar Wochen würde ich gerne noch mal Freunde und Familie im Westen und Südwesten Deutschlands besuchen. Derzeit plane ich, mir dazu einen Leihwagen zu nehmen – das wäre zwar teuer und ob meiner mäßigen Fahrpraxis auch anstrengend, aber ich habe einfach keinen Bock auf dieses Chaos!

Generell fremdle ich derzeit mit dem ÖPV. Menschen um mich herum ertrage ich gerade nur mäßig, je mehr und je enger, desto anstrengender ist es. Das war mitunter schon vor Corona so, und es wurde in der Zwischenzeit nicht besser. Nach der zweijährigen Corona-Hochphase sind die Busse mittlerweile wieder deutlich voller – nein, ein derart leerer Bus wie auf dem Foto oben ist eine Ausnahme – und das Volk rückt mir einfach zu eng auf die Pelle. Von der Einhaltung der – derzeit noch geltenden – Maskenpflicht mal ganz zu schweigen. Nein, Jeremy-Pascal, es ist nicht dein Kinn, das verdeckt werden muss. 🙄

Wäre meine berufliche Situation noch so wie vor drei, vier Jahren, spielte ich jetzt ernsthaft mit dem Gedanken, mir ein Auto zu kaufen. Natürlich ein elektrisches. Und sollte ich in absehbarer Zeit eine neue Einnahmequelle auftun, wird diese Überlegung auch fortgesetzt. Ja, das wäre teuer. Und kontraproduktiv für die Umwelt. Und wahrscheinlich noch nicht mal wirklich sinnvoll. Trotzdem.

Jetzt heißt es aber erst mal, hier die letzten zwei, drei Wochen noch mit dem ÖPNV zu überstehen. Und nein, natürlich konnte man mit der Großbaustelle, die mich zu Umwegen und Umsteigen zwingt, nicht noch einen Monat warten. Egal, je nach Wetter werde ich mit meinem Roller fahren, und ansonsten einfach Kopfhörer auf die Ohren und irgendwie durchhalten.

Und wer weiß, vielleicht gibt es eines Tages ja doch noch einen gut ausgebauten, flächendeckenden, bezahlbaren ÖPNV, ganz ohne Tarifdschungel… 😂 Und einen gut funktionierenden Fernverkehr, pünktlich, mit ausreichenden Wagen und Personal, bezahlbar und zuverlässig… 😂😂 Oder autonom fahrende Kleinstwagen, mit KI versehen, die einen, per App geordert, abholen, zur Arbeit bringen und dann direkt die nächste Tour übernehmen… 😂😂😂

Okay, verkehrstechnisch gesehen sind wir einfach am Arsch!

Ja, Spontanposting. Ja, mit ausreichend Desillusion und Zynismus gewürzt. Ja, es wird höchste Zeit für Urlaub.