Am Limit (2)

Zum anderen ist die Arbeit für den Laden momentan recht heftig, dass ich gerade schlichtweg platt bin:

Der eine Mitarbeiter fällt wegen Krankheit aus, der andere beißt auf die Zähne und hält trotz geschossener Hexe tapfer durch. Ich hatte in diesem Monat – von den Sonntagen, die ja eigentlich auch nie richtig frei sind, mal abgesehen – ganze zwei freie Tage. Und bis auf die Weihnachts- und Ostertage arbeiten wir seit zwei Jahren durch. So langsam bin ich an der Grenze angekommen, und mittlerweile habe ich die Befürchtung, dass die Rückenprobleme nicht nur an der Matratze liegen, zu deren Erneuerung ich aus Zeitmangel einfach nicht komme.

Kurze Augenkosmetik nach Ladenschluss

Trotzdem bereue ich übrigens unser Abenteuer keine Sekunde. Schließlich wird sich zumindest die Personalsituation (hoffentlich) bald entspannen, und mit der Dampfermesse in einem Monat wartet ja auch schon ein kleines Highlight, auf das ich mich riesig freue.

Dennoch würde ich gerne mal ein paar Tage durchatmen, und auch ein wenig Schlaf nachholen. Wir überlegen, Ende Oktober einen kleinen Urlaub einzuschieben, und bis dahin hält man sich eben mit den kleinen Highlights des Alltags über Wasser.

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Am Limit (1)

So langsam werden die Nerven doch spürbar dünner.

Zum einen ist da die Sorge um meine Mutter, der es seit drei Monaten immer schlechter ging. Auf ganz vorsichtige Hoffnung auf Genesung folgte jedesmal ein weiterer Rückschlag, bis vor zwei Wochen endgültig klar war, dass es eher schnell als langsam zu Ende gehen würde.
Nun hat sie es hinter sich, es war – zum Glück – eine doch recht schnelle Erlösung. Jetzt kann ich mich in meiner Sorge voll und ganz auf meinen Vater konzentrieren, der die Situation eher rational anzugehen versucht. Zum Glück konnte er sich langsam von ihr verabschieden, war beim letzten Atemzug bei ihr, und hatte so auch Zeit, sich an die einsame Wohnung zu gewöhnen. Ob er sich an die Einsamkeit in seinem Herzen gewöhnt ist dann nochmal eine andere Frage.

Auch ich gehe die ganze Situation eher rational an – Apfel, Birnbaum, platsch – sie hatte zum Schluss nur noch gelitten, der Körper war schon so geschwächt, und mit Leben in Würde hatte das alles nichts mehr zu tun. Es ist einfach gut, dass sie es hinter sich hat. Ich bin froh, vor kurzem noch mal bei ihr gewesen zu sein, und mich auch gedanklich von ihr verabschieden zu können. Dieser rationale Umgang bedeutet allerdings nicht, dass es nicht an den Nerven zehrt. Mitte September fahre ich runter zur Beerdigung, wie rational ich noch bin, wenn ihre Urne eingelassen wird, werden wir dann sehen.

Zum Glück lenkt mich ja die Arbeit ganz gut ab, andererseits

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Seele streicheln

“Menschen, die am Meer wohnen, sind in ihrem ganzen Leben seltener am Strand als Touristen in ihrem dreiwöchigen Urlaub.” Das mag zwar ein klein wenig übertrieben sein, im Prinzip stimmt es aber schon: Es fehlt die Zeit, das Wetter ist schlecht, die vielen Touris am Strand nerven… ach, und überhaupt.

Das Schöne aber, wenn man hier wohnt, ist: Immer dann, wenn man wirklich an die Wasserkante möchte, einfach um neue Energie zu tanken, um mal Luft zu holen, um die Seele zu streicheln, kann man dies tun. Ohne langen Anfahrtsweg, ohne Hotelbuchung, einfach so. Und wenn das Wetter dann noch so mitspielt wie gestern Abend und das Auge – und die Seele – mit den schönsten Farben verwöhnt (die sich wie immer nie auf Fotos bannen lassen), dann tut das einfach nur gut.

Und das möchte ich absolut nicht missen!

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Menschenwürde

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sofern du alt, krank und beginnend dement in ein Pflegeheim einziehst gibst du deine Würde allerdings an der Pforte des Pflegeheims ab.

Das liegt nicht unbedingt am Pflegepersonal, das sicherlich sein bestes gibt. Auch nicht unbedingt am Haus selbst, das seniorengerecht und vielleicht sogar ganz schön eingerichtet ist. Das liegt in erster Linie daran, dass du, häufig in völliger Reizarmut, einfach nur apathisch da liegst, nichts alleine machen und deine Bedürfnisse, wenn überhaupt, nur sehr vage äußern kannst. Du begibst dich vollkommen in die Hände anderer, völlig fremder Menschen. Weder für Intimität noch für Würde ist da Zeit oder Raum.

Ob das Leben der Angehörigen, die dieses Leid hautnah miterleben und so gut wie nicht helfen können, die mit ansehen müssen, wie der geliebte Mensch immer weniger er selbst ist, immer mehr abbaut, verfällt, nicht wissend, wie viel der andere wirklich wahrnimmt, ob das nun wesentlich würdevoller ist, sei dahin gestellt – spätestens dann, wenn trotz eines arbeitsreichen und bescheidenen Lebens das Geld für die Pflege nicht ausreicht und man als Bittsteller beim Sozialamt steht, ist sie am Arsch, die Menschenwürde.

Seit vielen Jahren habe ich eine Patientenverfügung, die regeln soll, dass ich nicht über Jahre hinweg an Schläuchen angeschlossen, eventuell künstlich beatmet und ernährt, vor mich hin vegetieren müsste sondern in Würde gehen kann. Was aber, wenn alle lebenserhaltenden Organe des Körpers noch funktionieren? Du lebst noch, aber hat das wirklich noch was mit Würde zu tun?

Memo an mich: Patientenverfügung dringend bekräftigen… und politisches Engagement in Punkto Legalisierung der Sterbehilfe deutlich verstärken.

Soundtrack der Zugfahrt des Tages: Mono Inc. “An klaren Tagen”, Pianoversion

Fotos entfallen aus Gründen.

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So was wie Heimaturlaub

Gut drei Jahre nach dem letzten Besuch geht es morgen mal wieder für ein paar Tage in die Heimat zu den Eltern. Von Urlaub würde ich nicht unbedingt sprechen wollen, Urlaub verbinde ich mit Erholung, und die dürfte sich weder bei den insgesamt 18 Stunden Zugfahrt noch bei den Besuchsstunden im Altenheim einstellen. Abgesehen davon geht es diesmal auch nicht zu den Lieben, weder in Köln noch in Stuttgart, dafür reicht die Zeit einfach nicht. Ist ja eh kaum vorstellbar, 4 Tage aus dem Laden raus zu sein, so ganz ohne Feiertage…

Na gut, vielleicht gibt es ja doch zumindest ein klein wenig Erholung, mal ein paar Tage aus dem Alltag raus, Tapetenwechsel, und mit ein bisschen Glück komme ich im Zug ja sogar ein wenig zum Abarbeiten des Schlafdefizits – vorausgesetzt, man wird nicht von einer Horde Junggesellenabschiedlern, Kegelschwestern oder Fußballfans belästigt, die Klimaanlage fällt nicht aus und kein Irrer rennt mit Hackebeilchen durch den Zug.

Ja, ein wenig freue ich mich auch darauf, die Eltern wieder zu sehen. Wobei das Wiedersehen zumindest bei einem Elternteil auch ernüchternd werden könnte, habe ich mich doch schon beim letzten Besuch ob des körperlichen Zerfalls ziemlich erschrocken, und allein beim körperlichen bleibt es gerade nicht…

Ich habe keine Ahnung, wie gut – und ob überhaupt – ich die Tage gedanklich vom Laden Abstand gewinnen kann, täte einerseits vielleicht ganz gut, andererseits… Na, man wird sehen. Erreichbar werde ich die nächsten Tage genau so gut sein wie seit knapp zwei Jahren – nämlich schwer bis gar nicht: E-Netz auffem Dorf, kein Internetanschluss, vielleicht am ehesten mit RauchDampfzeichen. 😉

Und ich bin selbst ein wenig gespannt, in welchem Gemütszustand ich am Sonntag zurückkomme…

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