Das Ende einer Liebe

Seit 40 Jahren bin ich Fan des Hamburger SV und habe so ziemlich alles mit diesem Verein erlebt: Meisterschaften, Gewinn der Champions-League (naja, des Vorläufers), spannende UEFA-Cup-Nächte. Aber auch den schleichenden Niedergang der letzten zehn Jahre, sowohl sportlich als auch wirtschaftlich.

Ein Neuanfang folgte zuletzt dem nächsten, immer wieder kamen neue Spieler, die, mit viel Vorfreude erwartet, plötzlich das Fußballspielen verlernt zu haben schienen. Bei den ständigen Trainerwechseln konnte man schon mal die Übersicht verlieren, und die einzige Konstante der verschiedenen Vorstandsriegen war deren hanebüchene Inkompetenz. Peinlichkeit reihte sich an Peinlichkeit, der “stolze Verein” machte sich zum Gespött sämtlicher Fußballfans, was sich noch verstärkte, als man innerhalb von vier Jahren drei mal den Klassenerhalt nur auf den allerletzten Drücker erzitterte und dabei direkt mehrere Negativrekorde aufstellte. Der Abstieg war schließlich fast eine Erlösung.

Doch wirklich besser wurde es auch in der 2. Liga nicht – man verlor zwar seltener, trotzdem wurde im ersten Jahr souverän der Aufstieg vergeigt, im zweiten Jahr ist er nur Dank der schwächelnden Konkurrenz noch nicht völlig abgehakt. Aber selbst wenn sie ihn noch packt – was hat diese Mannschaft in der Bundesliga zu suchen? Abgesehen davon ist es, egal in welcher Liga man spielt, eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, wann dieser gnadenlos heruntergewirtschaftete Verein endgültig pleite geht.

All das Chaos der letzten Jahre habe ich über mich ergehen lassen, mal zerknirscht, mal deprimiert, mal fluchend, zuletzt habe ich mich für “meinen Verein” nur noch geschämt. Trotzdem – man bleibt Fan, und zwar in guten wie in schlechten Zeiten. Wo die Liebe nun mal hinfällt.

Tja, und nun ist diese Liebe erloschen. Nicht abgekühlt, nein, gänzlich erloschen – urplötzlich ist da nur noch Gleichgültigkeit. Es ist mir egal, ob der HSV dieses Jahr doch noch den Aufstieg schafft oder erneut versemmelt. Es ist mir egal, wenn er sich zur grauen Zweitligamaus oder zu einer Fahrstuhlmannschaft entwickelt. Und es ist mir egal wenn er, wie so manch anderer “Traditionsverein”, in die 3. Liga oder gar noch weiter abstürzt. Ich werde das weitere Schicksal zur Kenntnis nehmen, weitgehend emotionslos, wie man halt auch das weitere Leben des Ex zur Kenntnis nehmen würde: Sollten sich doch noch mal Erfolge einstellen gratuliert man, sollte der Absturz weiter gehen, tja, schade drum, er hatte beste Voraussetzungen und Chancen.

Eine neue große Liebe wird es nicht geben. Man hat immer noch Mannschaften, mit denen man sympathisiert, weitaus weniger emotional, zwar mit einer gewissen Zuneigung, aber eben auch nicht mehr. Und irgendwie passt das ja auch zur Entwicklung des Profifußballs in der letzten Zeit – gähnende Langeweile in der Meisterschaft, völlig ausufernde Kommerzialisierung, schließlich zuletzt die Geisterspiele. Das neue “Fußball-Fan-Leben” wird so deutlich entspannter sein – und das kann ja auch nix schaden. 😉

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Abgestiegen

Der Fußballfan sucht sich ja bekanntlich nicht “seinen” Verein aus, sondern umgekehrt – sagt zumindest eine der vielen Fußballweisheiten, und dann muss es ja wohl stimmen. Manchmal vererbt sich die Vereinsliebe über Generationen, manchmal ist es einfach der dem Wohnort nächstgelegene Bundesligist, und es gibt auch genug “Fans”, die einfach dem erfolgreichsten Verein zujubeln – was wahrscheinlich auch die vielen Bayernsympathisanten erklärt.

Ich bin eben seit gut 40 Jahren Fan des Hamburger SV – warum auch immer, ist halt einfach so, ich kann nix dafür, siehe oben. Es gibt sicher Vereine, die von ihrer Art her viel besser zu mir passen würden. St.Pauli zum Beispiel, Union Berlin oder auch Freiburg. Es gibt auch Vereine, die sympathisch sind und – zumindest in den letzten Jahren – deutlich erfolgreicher waren, Dortmund oder Gladbach zum Beispiel. Aber bei mir ist es halt der HSV.

Dabei hat einem der Verein früher deutlich mehr Freude als Sorgen beschert: In meiner Kindheit wurde der HSV mehrfach deutscher Meister, dazu Sieger der Landesmeister (ja, so hieß früher die “Champions-League”) und Pokalsieger. Nach und nach ging es aber immer mehr bergab, und in den letzten vier Jahren wurde der Klassenerhalt dreimal erst am letzten Spieltag oder in der Verlängerung geschafft. Und in diesem Jahr erstmals gar nicht. Das erste mal in der Vereinsgeschichte steigt die erste Profi-Fußball-Mannschaft ab. Das erste mal in ihren 55 Jahren spielt die Bundesliga ohne den HSV. Natürlich ist das irgendwie irreal, zum Glück ist jetzt erst mal Sommerpause. Im nächsten Jahr geht es also gegen Heidenheim, Aue und Sandhausen, aber wenigstens entfällt dann die jährliche Klatsche gegen die Bayern. 😉

Nun gehen die meisten Fans und “Experten” davon aus, dass der Abstieg nur ein einmaliger, vielleicht heilsamer Unfall war, und es in einem Jahr wieder hochgeht, im Idealfall direkt wieder in obere Tabellenregionen, wo “der HSV nun mal hingehört”. Ich bin da weniger zuversichtlich: So mancher Club hat sich zu einer Fahrstuhlmannschaft entwickelt, andere Absteiger sind direkt durchgereicht worden, und selbst deutsche Meister verschwanden schon in der Dritt- oder gar Viertklassigkeit – siehe Braunschweig, 1860 oder aktuell Kaiserslautern. Damit dies nicht geschieht wären Kontinuität und Besonnenheit in der Führungsetage wichtig, leider zeichnete genau das den Verein in den letzten Jahren eher weniger aus, besser gesagt: Gar nicht.

Jetzt drücke ich aber erst mal in der Relegation Holstein Kiel die Daumen. Zum einen finde ich es sympathisch, wenn ein kleiner Verein mit so wenig Mitteln mal hochkommt, zum anderen hat diese unsympathische Betriebssportgruppe aus der Autostadt bei Fallersleben den Abstieg mindestens genauso verdient wie der HSV.

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