Tao-Gedanken
Ich befasse mich ja schon seit längerer Zeit mit diversen östlichen Philosophien, wobei es mir vor allem der Taoismus angetan hat. Hin und wieder beschäftigen sich einige Beiträge mit diesem Thema, deshalb an dieser Stelle – nach und nach – einige grundlegende Anmerkungen:
Illusion des Egos
Das Ego (das “Ich”) ist lediglich eine Illusion, die ab frühester Kindheit geprägt und dann bis zum Tod gehegt und gepflegt wird. Das Ego beinhaltet deine Vorstellungen über dich selbst und dein Umfeld, deine Ansichten, deine Voreingenommenheiten, deine Meinungen von “gut” und “böse”, deine (unechten) Emotionen und deine umherirrenden Gedanken, dein Selbstbild.
Während man im Buddhismus häufig davon spricht, dass das Ego “überwunden” werden muss spricht man im Taoismus eher von der “Erkenntnis der Illusion”. Es geht also nicht darum, etwas Existentes zu überwinden, sondern eine Illusion zu erkennen und zum wahren Existenten zurückzukehren.
Warum aber sollte man sich von seinem Ego verabschieden? Das Ego wurde bzw. wird aus Erfahrungen, Lehren, dem Vorleben der Umwelt zusammengezimmert. Viele Ansichten sind fest zementiert, man ist geistig unbeweglich – und man lebt nicht “im Fluss des Seins” sondern in seiner kleinen, engen Welt. Man ist beschäftigt mit Dingen, die entweder längst passé sind oder niemals eintreffen werden. Wenn die Illusion des Egos erkannt ist verschwinden diese Einengungen – die Eigenschaften deines Wesens, deine kleinen Macken und lustigen Unzulänglichkeiten, aber bleiben – egal ob du sie magst oder nicht.
Das Ego kann nur überleben, in dem man sich gedanklich in der Vergangenheit oder der Zukunft aufhält – wobei die Zukunft im Prinzip auch Vergangenheit ist, denn alle Vorstellungen an Zukunft sind auf deine Erfahrungen in der Vergangenheit begründet. Beobachte deine Gedanken, und du wirst feststellen, wie oft diese durch die Vergangenheit reisen oder wie oft sie Zukunftsszenarien entwerfen. In all diesen Gedanken tauchst “du”, also dein Ego, auf – auf diese Weise wird die Illusion aufrecht erhalten.
Wenn du es schaffst, diese Gedanken zu beobachten, lösen sie sich meist auf – denn denken und gleichzeitig das Denken zu beobachten funktioniert nicht. Es geht nicht darum, seine Gedanken mühsam zu unterdrücken! Es geht darum sie zu beobachten und somit zu registrieren, wann du wieder abseits des Jetzt bist. Und bitte nicht produktives Denken mit dem ständigen Gedankenwandern verwechseln: Ersteres ist eine wunderbare Sache, Zweiteres bringt uns sehr häufig nur Leid.
Eine Möglichkeit, der Illusion des Egos auf die Schliche zu kommen ist es, voll und ganz im Jetzt zu sein. In dem Augenblick bist du vollkommen bei dir – nicht bei dem was du glaubst zu sein, sondern wirklich bei dir. Häufig kommt es vor, dass man dann eine Leere spürt. Kein Wunder, denn das, was “dich” bisher am Leben gehalten hat, ist eine Illusion. Versuche, dich mit dieser Leere anzufreunden. Keine Bange, der “Rückfall” in deine gewohnten Ego-Strukturen ist meist ganz einfach, du kannst also jederzeit wieder aus dem Jetzt abhauen!
Non-Dualität
Wenn “ich” aber nur ein Produkt meiner Gedanken und Erinnerungen bin – wer bin “ich” dann wirklich? Der Taoismus spricht davon, dass wir alle ein und das selbe sind. Wir sind alle Eins. Ein Vergleich ist der mit einer Welle: Du bist eine Welle, doch zugleich der gesamte Ozean. Im Augenblick fühle ich mich übrigens noch ziemlich als Welle…
Kollektives Gedächtnis / kollektiver Geist
Wenn wir wirklich alle eins sind können wir uns auch des “kollektiven Gedächtnisses” oder des “kollektiven Geistes” bedienen. Man nennt es auch gerne Intuition. Dummerweise schwatzen vor allem bei “uns Grüblern” die Kopfgeister dermaßen aktiv vor sich hin, dass sie das “kollektive Gedächtnis” meist übertönen. Schade eigentlich…
Nicht zu verachten ist auch der Umkehrschluss: Deine Gedanken gehen auch ins “kollektive Gedächtnis” ein! Von daher wäre ein bisschen Vorsicht mit unseren eigenen Gedanken nicht verkehrt. Nicht wenige Menschen sind davon überzeugt, dass du mit deinen Gedanken die gesamte Welt beeinflussen kannst. Eine zugleich schöne wie auch gefährliche Sache…
…wird häufig mit “Handeln durch Nichthandeln” übersetzt. Nein, liebe Faulpelze, das bedeutet nicht, dass man sich auf seinen Arsch Hintern setzt und gar nichts mehr tut, sondern es bedeutet, dass man intuitiv handelt. Nicht mit der Brechstange versuchen Dinge zu erreichen, sondern achtsam auf Signale achten und dann, spontan, handeln. Witzigerweise schaffen das die meisten Menschen nur dann, wenn sie keine Kraft mehr haben und “aufgeben”. Dann kommt ein Moment, an dem alles wie von alleine zu gehen scheint. Schwierig wird es erst dann wieder wenn wir meinen stark genug zu sein und das Heft des Handelns wieder selbst in die Hand nehmen.
Dies alles – Aufgabe der Illusion des Egos, handeln lassen – bedeutet nun nicht, sich selbst aufzugeben, auch wenn man dies tatsächlich tut.
Aber man gibt ja eben nicht sich selbst auf sondern nur das, was man für sich selbst hält. Man gibt Einengung auf, man sprengt Grenzen, und stellt vielleicht plötzlich fest, dass man viel mehr ist als sein kleines Ego…
Ein Vergleich mit dem im Christentum bekannten Lied “so nimm denn meine Hände und führe mich…” mag erlaubt sein. Anders als im Christentum ist dies aber kein Vertrauen in eine höhere, außenstehende Macht, sondern in das Leben selbst, in das Sein, eben in das Tao, das du ja auch bist.
Das Tao
Was ist das Tao? “Das Tao, das ich beschreibe, ist nicht das Tao” heißt es. Und auch hier begegnen uns Parallelen zu diversen Religionen, in denen es heißt, man solle (oder dürfe) sich kein Bild von “Gott” machen. Aber eben nicht, weil uns dieser Gott dann zürnt, sondern weil es schlichtweg nicht möglich ist!
Was ist also das Tao? Alles. Du. Ich. Mein Laptop, in das ich den Text gerade einhacke. Dein Monitor, auf dem du das liest. Und der Raum dazwischen. Jetzt alles klar? Nicht? Sage ich doch!
Reinkarnation
Eigentlich keine “taoistische Frage”, trotzdem taucht sie hin und wieder auf: Für mich ist die Vorstellung, wiedergeboren zu werden, keine schöne. Aber wer mag denn diese Vorstellung nicht? Mein Ego? Nun, das dürfte ich wohl kaum “ins nächste Leben” mitnehmen. Wenn ich aber das Tao bin, wenn ich alles bin, dann bin ich immer da – immer wieder. Ständig. Hm, ob mein Ego diese Vorstellung jetzt so beruhigend findet?
Gefühle und Pseudogefühle
Ich bin mir sicher, dass Theo Fischer Recht hat mit seiner Behauptung, wir wissen kaum noch, was Gefühle wirklich sind. Wahre Emotionen treten kurz und heftig auf und klingen dann wieder aus. Was wir häufig für Emotionen halten sind die Erinnerungen an die Gefühle. Wir möchten diese Gefühle – auch wenn es negative sind – nicht loslassen. Denn wir erleben uns eben durch diese Gefühle – und wer möchte sich schon gerne verlieren?
Glaube oder Aberglaube?
Mein “Wissen” über das Tao nehme ich aus verschiedenen Quellen – aus Büchern unterschiedlicher Autoren, aus dem Internet, aus Gesprächen – und aus Erlebtem. Es geschieht immer wieder dass ich plötzlich etwas verstehe, das ich vor fünf Jahren schon las und glaubte, verstanden zu haben. Und es geschieht immer wieder dass ich begreife, nichts zu verstehen. Aber allein mit dem Verstehen ist das ganze auch nicht zu erfassen. Das ist ja auch ein weiterer angenehmer Aspekt des Taoismus: Es geht nicht darum, etwas zu glauben. Es geht darum, etwas zu erfahren! Etwas hören, versuchen zu verstehen, als These anzunehmen und auszuprobieren. Diese “Versuche” sind spannend, mitunter sehr anstrengend, sie lösen Erkenntnisse und Emotionen aus, nicht alle davon sind angenehm. Es geschieht immer wieder, dass ich in “die bekannte Welt” zurückflüchte. Aber meist, wenn ich mich auf den Versuch einlasse, spüre ich, dass dies der richtige Weg ist. Ich werde ihn weiter gehen.
Na, einfach mal ausprobieren?
Dieser Text wird nach und nach ergänzt, verändert, korrigiert, angepasst… Ist halt alles im Fluss, das Leben also auch die Texte…


Danke, Stef, für diese treffenden kurz-bündigen Worte. Ich bin auch auf dem Tao-Trip und der stellt alles andere an trips in den Schatten. Kennst Du übrigens die Tao te King-Version von Graeser? – genial! Ich werde noch öfters bei Dir vorbeischauen – mal sehen, was der Fluss so alles anschwemmt…